Pandemie pflügt die Landwirtschaft um

4. Juni 2020

Ernte bei Ronnenberger Gemüsehof in Gefahr

Die Voges Gemüse GmbH in Ronnenberg freute sich letzten Monat über viele Helfer in Corona-Zeiten. Doch nun hat das Familienunternehmen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, deren Auswirkungen früher oder später den Konsumenten betreffen werden.

Von Jakob Spruck

Es ist warm, der Himmel ist blau – und trotzdem ist die Stimmung recht verhalten auf dem Hof, der seit 1920 als Familienunternehmen geführt wird. Ann-Marie Rösler, für die Disposition bei Ein- und Verkauf zuständig, kommt nach einem langen Telefonat aus dem Büro. „Wir laufen zurzeit echt auf dem Zahnfleisch“, beteuert sie und wirft einen Blick in die große, leere Lagerhalle, in der ein paar Schwalben herumfliegen. Neben der schwierigen Mitarbeitersituation schiebe das ungünstige Wetter die Ernte im Kalender immer weiter nach hinten. Bei der täglichen Hitze, der nächtlichen Kälte und dem ausbleibenden Regen könne man nur hoffen, dass die Ernte dieses Jahr noch was wird, so Rösler. Der landwirtschaftliche Betrieb baut auf den Feldern rings um Ronnenberg Eisbergsalat, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Spitzkohl, Weiß-, Rot-, Wirsingkohl, Bundmöhren und in erster Linie Porree an. Gemüse wie Zucchini, Rucola oder Radieschen kommen hingegen nicht aus der Region Hannover, sondern werden von einem Pfälzer Erzeuger geliefert.   

Die Schüler und Studenten, die sich wegen eines veröffentlichten Artikels über den Landhof zur Hilfe bereit erklärt haben, sind nicht mehr da. Obwohl die Arbeitszeiten flexibel organisiert waren, scheint die dreckige und harte körperliche Arbeit an der frischen Luft vielen zu anstrengend gewesen zu sein. Ann-Marie Rösler ist darüber aber nicht erstaunt: „Wir Deutschen sind uns eben zu schade für diese Arbeit. Deswegen sind wir auf Helfer aus Rumänien oder Polen dringend angewiesen“.

Deutsche Bürokratie behindert Saison-Arbeitskräfte

Tröpfchenweise gibt es mehr Freiheiten im Corona-Lockdown. Dadurch ist es nun auch der Voges GmbH möglich, Mitte Mai sieben rumänische Erntehelfer einfliegen zu lassen. Diese werden die nächsten acht Wochen auf dem Hof arbeiten können. Es steckt hinter dieser Aktion ein Haufen bürokratischer und finanzieller Aufwand: Der Deutsche Bauernverband muss über die Gruppengröße und die Aufenthaltszeit informiert werden; alle Flüge über Eurowings werden von Voges bezahlt. Die Hilfskräfte landen jedoch in Düsseldorf – daher gilt es auch einen Transport mit einem Kleinbus zu planen. Außerdem muss Kontakt mit den zuständigen rumänischen Behörden aufgenommen werden, um diese – ebenso wie das Niedersächsische Landesgesundheitsamt – über den Aufenthalt der Gruppe zu unterrichten. „In diesen Zeiten wünscht man sich doch, das Ganze könnte etwas einfacher funktionieren“, sagt Rösler und lächelt gequält. Auch die Informationsvermittlung des Ganzen kritisiert sie: Teilweise habe sie erst von Freunden über Mundpropaganda erfahren, was zu tun ist. Sie wünscht sich eben deshalb eine zentralisierte Organisation der neuartigen Erntesituation; eben eine allgemeingültige Checkliste, nach der man vorgehen könnte, um alles korrekt zu organisieren.

Lücken beim Corona-Schutz

Das Bundesinnenministerium hatte zusammen mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft entschieden, dass einreisende Saisonarbeiter in landwirtschaftlichen Betrieben eine Gruppe von maximal 20 Personen nicht überschreiten dürfen und sie sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben müssen. Diesen Vorgaben versucht Voges mit zwei großen Mietcontainern, die mitten auf dem Hof platziert wurden, so gut es geht nachzukommen. „Es ist nicht immer möglich, einen Mindestabstand von zwei Metern bei der Arbeit auf dem Feld einzuhalten“, gibt Rösler zu. Auf der Pflanzmaschine beispielsweise müsse man zu fünft dicht zusammengepfercht arbeiten und auch ein obligatorischer Mundschutz könne während der körperlich anspruchsvollen Arbeit schlecht getragen werden. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, für die sieben Rumänen ein isoliertes Umfeld aufzubauen. Der Hof hat sich mit seinen Arbeitskräften darauf geeinigt, dass keiner von ihnen allein einkaufen geht oder die Stadt besucht; deshalb müsse immer einer der Festangestellten oder Rösler selbst mit einer langen Liste einen wöchentlichen Einkauf für die Arbeiter tätigen.

Acht Wochen Arbeit für das ganze Jahr

„Man vergisst schnell, dass auch wir als Unternehmen eine soziale Verantwortung den Saison-Arbeitskräften gegenüber haben“, sagt Rösler. Die Rumänen gehen mit der Reise nach Deutschland das Risiko ein, durch potenziell steigende Corona-Reisebeschränkungen nach den acht Wochen Erntehilfe nicht mehr nach Hause fliegen zu können. Andererseits ermöglichen diese zwei Monate Arbeit mitunter die Finanzierung eines ganzen Jahres in Rumänien – und das bei Mindestlohn. „Wir sind ebenso auf sie angewiesen wie sie auf uns“, stellt Rösler fest. Zur Kommunikation mit den ausländischen Hilfskräften habe sie die letzten Jahre nur gute Erfahrungen sammeln können: „Kommunikation ist in jedem Betrieb – also auch hier auf dem Hof – sehr wichtig. Wir haben hier drei Festangestellte, die immer übersetzen können, wenn es nötig ist.“

Der Gemüsehof in der Krise

„Am Ende ist es der Endverbraucher, der mehr für sein Gemüse zahlen muss“

Die Corona-Krise kostet auch den Hof eine Menge Geld. Auf die Frage, ob sich der Aufwand mit den einreisenden Erntehelfern überhaupt finanziell rechne, seufzt Ann-Marie Rösler und sagt nüchtern: „Am Ende ist es der Endverbraucher, der mehr für sein Gemüse zahlen muss.“  Es sei die Krux, bei weniger Arbeitskräften und schlechtem Wetter plötzlich mit einer fast 50 Prozent angestiegenen Nachfrage konfrontiert zu werden. Voges beliefere lediglich den Einzelhandel und weil niemand mehr auswärts essen geht, werde jetzt mehr für den Eigenbedarf eingekauft. „Eine Krise wie diese haben wir noch nie erlebt“, erzählt Rösler. Und obwohl der Hof immer etwa drei Monate im Voraus plant und der Familienbetrieb in diesen Zeiten ungewiss auf die nächste Woche schaut, so ist Rösler gewillt, zusammen mit der Familie weiterhin alles zu geben.

Zudem ist ihr wichtig zu betonen: Die Deutschen zeigen sich in dieser Krise solidarisch, helfen den Alten und Kranken, ihren Alltag bewältigen zu können. Die Arbeit auf dem Feld, das Sortieren der Erntegüter und Bewässern der Felder ist aber nach wie vor dreckig, nass und sehr anstrengend. Da werfen auch die anfangs euphorischen Studenten und Schüler nach wenigen Tagen die Flinte ins Korn. „Die moderne Landwirtschaft ist auf die Arbeitskräfte aus Rumänien und Polen angewiesen, ohne sie wären die niedrigen Preise und die schnelle Abwicklung heute nicht mehr möglich“, stellt Rösler fest. Dass sie in dieser Krise nicht allein dasteht, macht ihr besonders Mut: Viele Traditionsbetriebe und Bauernhöfe müssen nun schauen, wie sie diese lokale und globale Krise überstehen können. „Dabei müssen wir uns am besten an der Vergangenheit und den damaligen Herausforderungen und Strategien orientieren“, sagt sie. Einen Vorteil habe ein Gemüsehof gegenüber anderen Unternehmen in jedem Fall: Essen müssen die Leute immer.

https://www.voges-gemuese.de/

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.