Pfadfinder in der Corona-Krise – was geht digital?

8. Juni 2020

Was machen Pfadfinder in der Corona-Krise? Ein Interview mit zwei jungen Ehrenamtlichen aus Hannover zu Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

Mathis Fechner und Max Mathes, 19 und 20 Jahre alt, engagieren sich seit vielen Jahren in der Baptistischen Pfadfinderschaft Hannover. Im Gespräch geben sie Einblicke in die aktuellen Herausforderungen ihrer Arbeit, erzählen vom Kochen via Videokonferenz und widerlegen den Mythos, Pfadfinder hätten nichts mit Technologie am Hut.

Von Melisa Job

Vom Kekseverkaufen bis zu Survivaltraining hört man ja die wildesten Geschichten über Pfadfinder. Was macht ihr denn normalerweise — wenn es nicht gerade eine Pandemie gibt?

Mathis: Der wichtigste Teil der Pfadfinder-Arbeit ist die Natur, wir verbringen sehr viel Zeit draußen. Außerdem wollen wir gewisse Grundeinstellungen der Pfadfinder vermitteln, wie zum Beispiel, dass Pfadfinder hilfsbereit sind. Und wir versuchen, den Kindern zu zeigen, wie das so im Alltag umsetzbar ist.

Max: Ein anderer großer Teil unserer Arbeit ist auch, dass wir auf Zeltlager fahren oder wandern gehen. Da braucht man einfach ein gewisses Basiswissen: Was muss ich überhaupt mitnehmen, wie baue ich das Zelt auf? Das sollte man natürlich vorher mal geübt haben.

Die Corona-Krise bringt neue Herausforderungen, aber vor allem viel Digitalisierung mit sich. Wer „Pfadfinder“ hört, denkt aber eher an Natur und die Rückkehr zur analogen Welt. Wie passt denn digital und Pfadfinder zusammen?


Max: Ich würde sagen, dass sich das absolut nicht ausschließt. Das passt genauso gut oder schlecht zusammen wie Fußball und digital. Natürlich sind wir bei den Pfadfindern viel draußen, aber das heißt ja nicht, dass wir was gegen Technologie hätten. Wir haben ja auch trotzdem alle unsere Taschenlampen dabei und freuen uns über unsere wasserdichten Jacken.
Außerdem wachsen viele Kinder jetzt mit der Digitalisierung auf und finden sich viel natürlicher zurecht. Das ist eigentlich kein Problem. 

Mathis: In der aktuellen Zeit bedeutet unsere Arbeit gar nicht unbedingt, dass wir nur vermitteln, wie man in der Natur überleben kann, sondern zum Beispiel auch, wie es funktionieren kann, das Internet verantwortungsvoll zu nutzen. Technologie und Pfadfinder schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich viel mehr. 

Technologie und Pfadfinder schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich viel mehr. 

Was gibt es für Möglichkeiten, Pfadfinderei als Hobby auch von zu Hause aus zu betreiben? 

Mathis: Die Pfadfinderei lebt auch viel durch Gemeinschaft und das haben wir immer noch durch Online-Plattformen. Da fehlt uns natürlich der Teil der Natur, aber wir haben trotzdem die Möglichkeit, kreativ Lösungen zu entwickeln und zu überlegen, was Pfadfinderei auch in diesen Zeiten bedeuten kann. Und von den Möglichkeiten machen wir Gebrauch. Außerdem bedeutet Pfadfinderei auch viel Vorbereitung und Organisation für kommende Aktionen. Das, was man im nächsten Jahr machen möchte, muss man ja auch jetzt schon planen. Diese Zeit jetzt gerade können wir dafür nutzen.

Wie gestaltet ihr zurzeit die wöchentlichen Gruppenstunden?

Max: Naja, man muss halt kreativ sein. Wir nutzen Videokonferenz-Tools und müssen da auch mit den Eltern Rücksprache halten, was für Unterstützung die Kinder brauchen. So ein Meeting heißt aber auch, dass die Kinder sich sehr schnell ablenken lassen, wenn eh das Handy in der Hand ist. Also müssen wir schauen, was möglich ist: Ob man zusammen Montagsmaler spielt oder online eine Schnitzeljagd macht … Da muss man gucken, wie man mit seinen Ideen über die Wochen kommt.

Inwiefern sind denn die Eltern eingebunden?

Max: Das kommt drauf an. Neulich haben wir einmal mit den Kindern zusammen gekocht und wollten dann, dass auch alle die Zutaten da haben. Das heißt, wir haben den Eltern geschrieben, was die Kinder dafür brauchen, damit sie das einkaufen können. Aber ansonsten verändert sich nicht viel in der Kommunikation. Wir haben auch das Glück, dass jetzt in der momentanen Situation alle sehr verständnisvoll sind, wenn die Dinge nicht so laufen wie sonst. Die Eltern sind da generell sehr offen.


Was ist für euch als Mitarbeiter zurzeit die größte Herausforderung?

Mathis: Ich finde es schwierig — wir sind normalerweise in der Natur und da gibt es unfassbar viele Ideen, die man haben kann und viel, was man machen kann. Online gibt es natürlich auch viele Ideen, aber das ist ein ganz neues Mindset. Eine ganz neue Art der Kreativität, wo man überlegen muss, welche Möglichkeiten haben wir? Und die sind schneller ausgeschöpft. Da hat man schnell das Gefühl, eigentlich haben wir jetzt alles mal gemacht. Da fällt es mir immer schwerer, Ideen zu finden, was wir mit den Kindern machen können und sie zu bespaßen.

Max: Auch abseits von der Mitarbeiterrolle fehlt einfach viel Gemeinschaft, die jetzt so in der Art und Weise nicht stattfindet. Das ist schon sehr schade, finde ich.



Habt ihr eine Idee, was gerade die Kinder und Jugendlichen am meisten vermissen?

Mathis: In den Gruppenstunden hat man schon das Gefühl, dass sie sich sehr darüber freuen, die anderen wiederzusehen und wir kriegen auch von den Eltern häufig gespiegelt, dass es für die Kinder ganz toll ist, so einmal in der Woche ihre Freunde zu treffen. Umgekehrt sieht man natürlich, dass sie immer mehr die Gemeinschaft vermissen, die sie normalerweise jeden Tag in der Schule oder anderswo hätten.

Wie kann der Kontakt zu den Kindern noch aufrechterhalten werden, außer durch wöchentliche Gruppenstunden?

Mathis: Einige Pfadfinderstämme rufen jeden Tag bei einem Kind aus ihrer Gruppe an, um den Kontakt zu halten und zu gucken, wie es ihnen geht. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, Briefe zu verschicken und Aufgaben, Challenges oder sogar Bastelmaterial direkt zu den Kindern nach Hause zu bringen.

Max: Ansonsten haben wir noch mit unseren Jungs angefangen, unter der Woche jeden Morgen gemeinsam Sport zu machen. Wir machen also morgens um acht mit allen, die Lust haben, ein Online-Meeting und starten so in den Tag. Da hat man täglich ein bisschen Gemeinschaft.

Was war bisher eure spannendste digitale Aktion?

Max: Wir haben einmal im Stamm ein „ZuhauLa“, ein Zuhause-Lager, durchgeführt. Da haben wir uns dann mit über 50 Leuten in einer Videokonferenz getroffen. Und jeder von uns hat sich so eine Butze gebaut aus Decken oder einige haben sogar ein Zelt aufgebaut, was man halt da hatte. Dann wurde eine Geschichte erzählt, es gab ein bisschen Musik … Um einfach ein bisschen Lagerstimmung aufzubauen. Das war auch ziemlich cool.

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.