5 Stimmen aus dem Einzelhandel – Teil 3: Sonnen-Apotheke

13. Oktober 2021

März 2020: erster Lockdown. November 2020: Lockdown light. Dezember 2020: harter Lockdown. April bis Juni 2021: Bundesnotbremse. Wie ist es dem Einzelhandel in und um Hannover in der Corona-Zeit und während der Lockdowns ergangen? Und wie geht es heute? Wir haben Unternehmerinnen und Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen zu ihren Erfahrungen befragt. In den ersten beiden Teilen der Serie erzählen Julia Heuser von Liebe + Zeug und Anne-Luise Lübbe von der BH Lounge, was sie in den letzten Monaten erlebt haben.

In den Gesprächen wurde deutlich, dass die soziale Komponente während der Pandemie eine noch größere Rolle spielte als ohnehin schon – sowohl der Austausch mit der Kundschaft als auch der Zusammenhalt innerhalb der Teams. Außerdem wurde bei allen Befragten der „Selbstständigen-Spirit“ deutlich: Sie warteten nicht ab, sondern wurden kreativ und packten an – entschlossen, mit einfallsreichen Produkten oder neuen Vertriebswegen einen Weg aus der Krise zu finden.

SONNEN-APOTHEKE: Planung immer nur für kurze Zeiträume


Die Sonnen-Apotheke an der Lister Meile/Ecke Weißekreuzplatz blickt auf eine lange Tradition und eine bewegte Geschichte zurück: 1892 wurde sie gegründet. Seit über 50 Jahren ist sie im Familienbesitz der Familie Walter. Dr. Silke Walter führt sie heute in dritter Generation. 

radius/30: Frau Walter, wenn Sie auf die letzten Monate zurückblicken – wie ist es Ihnen ergangen?

Dr. Silke Walter: Für mich als selbstständige Apothekerin, die normalerweise in der Heuschnupfensaison Allergiepräparate und in der kälteren Jahreszeit Arzneimittel gegen Husten und Schnupfen verkauft, hat sich vieles verändert: Wir hatten weniger Kunden, weil es Allergie und Erkältung durch das Tragen von Masken und eingeschränkte Kontakte kaum noch gab. Dafür produzierten wir plötzlich Desinfektionsmittel oder organisierten medizinische Masken und Antigen-Schnelltests oder stellten digitale Impfzertifikate aus. Zusätzlich gestaltete ich den Laden so um, dass sowohl meine Mitarbeiter als auch die Kunden einen möglichst großen Schutz erhielten, z. B. durch Acrylscheiben, neue Bedientische mit mehr Abstand, Luftfilter und Einbahnstraßenregelung. Es war auf der einen Seite sehr anstrengend, ständig Anpassungen durch neue Regeln und Vorschriften vorzunehmen, auf der anderen Seite bin ich auch sehr dankbar, dass wir die gesamte Zeit als systemrelevantes Unternehmen öffnen und arbeiten durften.

Was sind die wichtigsten Learnings aus dieser Zeit?

Wir mussten in kürzester Zeit neue Geschäftsfelder erlernen, mit neuen Lieferanten zusammenarbeiten und neue Strukturen aufbauen. Meine wichtigsten Learnings: dass nichts unmöglich ist, dass es wichtig ist, als Team zusammenzustehen und dass es hilfreich ist, sich mit Kollegen auszutauschen. Wir haben viel kommuniziert: Was ist heute wichtig, worauf müssen wir achten? An einem Tag erklären wir den Kunden, dass Händewaschen genügt, um sich vor Ansteckung zu schützen. Und am nächsten Tag erklären wir, wie man Masken richtig aufsetzt, die alle tragen müssen. Die schnellen und plötzlichen Veränderungen waren herausfordernd, aber mein Team war froh, jeden Tag in die Apotheke kommen zu dürfen. Wenn zwischendurch weniger Kundschaft da war, hat jeder neue Aufgaben übernommen. Wir haben uns den Arbeitsalltag so angenehm wie möglich gestaltet.

Und wir haben gemerkt, dass wir in der Lage sind, kreative Lösungen zu finden. Wir hatten mit Lieferengpässen zu kämpfen, nicht nur von Arzneimitteln, sondern auch von Material. Beispielsweise stellten wir Desinfektionsmittel her – dafür mussten wir aber erst an die Rohstoffe kommen. Nachdem wir diese organisiert hatten, gab es weder Gefäße, noch Kanister zu kaufen, in die wir es hätten abfüllen können. Also nahmen wir Kanister, in denen ursprünglich destilliertes Wasser war. Auch bei den Arzneimitteln mussten einige Kunden auf individuelle Sonderlösungen umgestellt werden, weil Medikamente nicht mehr lieferbar waren und wir auf neue Produzenten umstellen mussten. Als medizinische Masken schwer zu bekommen waren, habe ich Kontakt zu einem Lieferanten von Masken für Hühnerfarmen aufgenommen und über ihn welche beziehen können.

Wie denken Sie über die Corona-Politik in Hinblick auf staatliche Unterstützung?

Dazu kann ich wenig sagen, weil ich keine in Anspruch genommen habe. Ich glaube aber, dass die Hilfen schneller hätten kommen müssen, um laufende Kosten zu decken.

Was würden Sie noch mal genauso machen, was vielleicht nicht mehr?

Wir haben immer für relativ kurze Zeiträume geplant, um flexibel zu bleiben. Und durch einen guten Austausch unter Kollegen zwar neue, aber seriöse Anbieter gefunden. Das würde ich nochmal genauso machen. Und wir haben unseren bereits vorhandenen Lieferservice mit einem E-Smart und einem zweiten Fahrer aufgestockt. Das war eine gute Entscheidung, denn nächstes Jahr wird mit Einzug des E-Rezeptes der Lieferservice ohnehin ausgebaut. Corona hat auch bei uns die Digitalisierung sehr beschleunigt. Für uns allerdings nicht nur positiv: Einige Kunden sind während der Lockdowns zu Onlineapotheken abgewandert. Es kamen aber auch viele zu uns, die sich über den persönlichen Kontakt freuten – sonst war ja alles geschlossen. Und insbesondere ältere Menschen trauten sich aus Angst vor Ansteckung nicht zum Arzt, sondern kamen zu uns, um sich beraten zu lassen. Manchmal auch nur, um uns zu erzählen, was sie bewegt.

Was wünschen Sie sich für die kommende Zeit?

Dass in unserem Gesundheitssystem die Abhängigkeit von anderen Ländern überdacht wird. Die Rohstoffknappheit ist überwiegend darauf zurückzuführen, dass 80 Prozent der Rohstoffe aus dem asiatischen Raum kommen, und diese Abhängigkeit kommt uns jetzt alle teuer zu stehen. Die Preise sind teilweise auf das Zehnfache gestiegen. Und ich wünsche mir, dass die Menschen, die noch zögern, sich impfen lassen. Damit bald wieder mehr Normalität möglich ist. Und auch, um die zu schützen, die sich nicht impfen lassen können.