Supermärkte während Corona

12. Juni 2020

„Menschen sind verwöhnte Gewohnheitstiere“

Die Supermärkte sind eine der wenigen Instanzen in der Corona-Krise, die durchgehend geöffnet sein konnten. Vor welchen Aufgaben stehen die Märkte und was nehmen sie aus dieser Zeit mit? Die Mitarbeiter der Edeka Tochtergruppe WEZ in Hüllhorst berichten.

Von Fynn Flömer

6 Uhr morgens. Während viele Menschen derzeit von zu Hause arbeiten, geht im WEZ Hüllhorst alles seinen (fast) gewohnten Gang. Eine Stunde vor Öffnung sind die Mitarbeiter dabei, die Waren für den kommenden Tag einzuräumen.

Ronja Pühse ist Auszubildende in dem Markt und muss, bevor sie sich an die Kasse setzt, helfen, das Gemüse einzuräumen. Für sie ist der Alltag an ihrer Ausbildungsstätte durch Corona stressiger geworden. Das liegt vor allem daran, dass sich das Verhalten der Kunden seit der Krise verändert hat. „Wir hatten hier neulich eine Kundin, die sich acht Packungen Klopapier kaufen wollte. Als wir sie gebeten haben, etwas für andere Kunden übrig zu lassen, begann sie, rumzuschreien und verließ mit sechs Packungen den Laden.“ Doch es gibt auch positive Erfahrungen in den schweren Zeiten berichtet Pühse: „Neulich hatten wir hier auch mal eine Frau, die uns eine Tafel Schokolade geschenkt hat. Das treibt einen dann wieder an, weiterzuarbeiten.“

Die Auszubildende merkt, dass das Klima unter den Mitarbeitern angespannter ist, weil so viele neue Regeln zu beachten sind. Die Entspannung und die Lockerheit seien komplett verschwunden, so die 19-Jährige. Gerade in dieser Situation schätzt sie die Freundlichkeit der Kunden, die ihre Arbeit respektieren umso mehr. Sie hofft, dass die Leute das vielleicht aus der Corona-Krise mitnehmen können.

„Ich bin gar nicht scharf darauf, eine Heldin zu sein“

Die Leiterin der Gemüseabteilung, Olga Schulte, hat noch mehr mit den neuen Bedingungen zu kämpfen. Sie muss morgens die Gemüsebestellungen für den nächsten Tag aufgeben. Wegen Corona muss das ein paar Stunden früher passieren als im Normalfall. Das führt dazu, dass sie nicht immer genau weiß, welche Mengen sie für den nächsten Tag bestellen muss. „Die Lieferungen kommen durch die aktuellen Umstände meistens später, sodass ich nicht weiß, wie viel ich von den Produkten bestellen muss. Das sind sogenannte Blindbestellungen.“

Auch der Mindestabstand ist im Supermarkt nicht immer einfach einzuhalten. Die engen Gänge bieten nicht die Voraussetzungen, um genügend Abstand halten zu können. Außerdem ist Olga Schulte aufgefallen, wie sich das soziale Leben von Parks und Cafés in die Gänge des Marktes verlagert: „Die Leute kommen auf einmal nicht mehr nur zum Einkaufen hierher. Wenn sich Bekannte treffen, bleiben sie bestimmt zehn Minuten stehen und unterhalten sich.“ Die Angestellte ist dennoch froh, dass sie überhaupt arbeiten gehen kann. „Ich bin gar nicht scharf darauf, eine Heldin zu sein. Ich freue mich einfach, Geld verdienen zu können.“

Diese Schilder zieren im Supermarkt den Boden, doch Abstand halten ist bei den engen Gängen nicht immer möglich.

Den Mitarbeitern wird, wenn auch nicht immer von den Kunden, aus der Führungsetage Wertschätzung entgegengebracht. Der geschäftsführende Gesellschafter Karl-Stefan Preuß zeigte seine Dankbarkeit über ein Tonband im Laden. In Hüllhorst wurde außerdem ein „Heldenfrühstück“, so der offizielle Titel, für die Mitarbeiter an der Front organisiert. Dabei konnten sich die Angestellten auf Kosten des Marktes an einem Frühstücksbuffet bedienen.

„Blöder Scheißladen“

Angelika Holzmeyer arbeitet in der Molkerei-Produkt-Abteilung und räumt jeden Tag die Kühlregale ein. Auch sie muss in ihrer Arbeit jetzt deutlich flexibler sein als vorher. „Man ist zwar in seiner Abteilung allein, aber hilft auch immer wieder den Kollegen, wenn gerade viel zu tun ist. Das hat bis hierhin den Zusammenhalt unter uns schon ein bisschen gestärkt“, so die Angestellte. Sie merkt aber auch, dass sie selbst durch den Stress im Markt leichter gereizt ist. Trotzdem hat sie die Kunden eher freundlicher erlebt als negativ. Eine Situation ist ihr allerdings hängen geblieben. „Eine Frau hat sich geweigert, einen Einkaufswagen zu benutzen, und ist deswegen völlig ausgerastet. Sie hat „Blöder Scheißladen“ geschrien und ist dann abgehauen“, berichtet die Mitarbeiterin. Die „MoPro“-Abteilung hat ähnliche Probleme wie die Gemüseabteilung und kann wegen Lieferschwierigkeiten nicht die volle Produktpalette anbieten.

Christine Senkel ist Fleischereifachverkäuferin und der Theke im Hüllhorster Supermarkt. Sie hat genau wie ihre Kollegen mehr zu tun. Dadurch, dass die Kunden durch Corona gezwungen sind, sich wieder selber öfter in die Küche zu stellen, kaufen sie auch mehr frisches Fleisch. Selbst an der Fleischtheke war Senkel mit Hamsterkäufen konfrontiert. „Eine Kundin wollte, dass ich ihr acht Kilo Hackfleisch einpacke. Da habe ich manchmal das Gefühl, wir sind im Krieg“, berichtet Senkel. In ihren Augen werden die Kunden in dieser Zeit immer egoistischer. Die hygienische Umstellung war für die Mitarbeiter hinter der Fleischtheke nicht groß, da sie die Küche im normalen Betrieb ebenso desinfizieren müssen.


„Die Menschen werden das vergessen“

Andreas Bensel ist der stellvertretende Marktleiter der Filiale. In seinem Büro findet man in den Corona-Zeiten neben einem Schreibtisch und einem Kalender Unmengen an Desinfektionsmittel und Desinfektionstüchern. Die größten Probleme in seinem Markt seien vor allem die Lieferschwierigkeiten von haushaltsüblichen Produkten gewesen, wie zum Beispiel Hefe oder Mehl. „Die Bäckereien mussten uns mit ihrer Hefe aushelfen, damit wir überhaupt etwas auf Lager haben“, so Bensel. Auch der stellvertretende Marktleiter muss Blindbestellungen tätigen, weil Edeka während Corona die Bestellungen für Produkte früher benötigt. So muss der Marktleiter abschätzen, wie viel ungefähr an einem Tag verkauft wird.

Bensel merkt bei den Kunden, dass sie immer weniger Verständnis für die Maßnahmen haben. Auch er musste schon selbst negative Erfahrungen machen. „Einmal kam hier eine Gruppe von Jugendlichen zu acht rein, ohne Masken. Die musste ich dann natürlich rausschmeißen. Sowas erleichtert mir meinen Job hier nicht unbedingt“, erzählt Bensel. Die Mehrheit der Kunden sei aber vernünftig. „Ungefähr 70 Prozent sind vorsichtiger, 90 halten sich an die Regeln, aber zehn Prozent zeigen eine Scheiß-Egal-Einstellung und sowas bleibt einem natürlich hängen.“ Seit Corona umfasst die Liste der nicht lieferbaren Produkte 50 Seiten. Das führt dazu, dass die Auswahl nicht mehr so groß ist.

Der stellvertretende Marktleiter wagt es stark zu bezweifeln, dass die Kunden die Arbeit der Supermärkte nach Corona mehr zu schätzen wissen: „Die Menschen wollen ihre gelbe Paprika haben und werden sofort aggressiv, wenn sie die nicht bekommen. Da sind die Kunden sehr verwöhnt. Verwöhnte Gewohnheitstiere. In solchen Momenten denke ich, dass die Leute ihre Wertschätzung für unsere Arbeit wieder vergessen werden.“

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.

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