Themenwoche Barrierefreiheit: Rollstuhl-Basketballer Jan Haller

12. Mai 2021

Barrieren sind dazu da, überwunden zu werden, auch wenn sie dazu wahrlich nicht immer einladen. radius/30 hat drei Personen getroffen, die auf ganz unterschiedliche Weise Barrieren überwinden. Der stark sehbehinderte Fotograf Guido Klumpe ist preisgekrönt, die gehörlose Psychologin Pia-Céline Delfau vermittelt bei ihrer Arbeit als Hundetrainerin zwischen Mensch und Hund und Rollstuhl-Basketballer Jan Haller überwindet mit seinem Team Hannover United in der Bundesliga erfolgreich gegnerische Teams und die Distanz zum Korb.

Rollstuhlfahrer im sportlichen Vorteil

Selten wurden die Sportler von Hannover United, einem Erfolgsteam aus der ersten Rollstuhlbasketball-Bundesliga, so beneidet wie in diesem Frühjahr. Sie durften, was vielen anderen Menschen verwehrt blieb: ihren Sport ausüben. „Wir fühlen uns durchaus privilegiert, aber das ist auch harte Arbeit und Konsequenz“, umreißt Mannschaftssprecher Jan Haller das Ergebnis jahrelanger, intensiver Anstrengungen. Rund zehn Trainingseinheiten absolviert er wöchentlich, vier mit der Mannschaft, der Rest ist individuelles Kraft- und Wurftraining. Am Wochenende kommt ein Spiel dazu, aufgrund von Verschiebungen durch die Pandemie sind es in diesem Jahr oft auch zwei – knallharte Doppelspieltage. Das Team hat einen Reiseplan wie in der Fußballbundesliga, quer durch die Republik, von München über Hamburg nach Frankfurt und Leipzig. Zu diesen Spielen reisen sie mit dem Mannschaftsbus, Training und Heimspiele werden mit eigenen Pkws angesteuert.

Paralympics erneut das Ziel

Das Training des Teams ist hochprofessionell, die Fokussierung auf sportliche Ziele ist es ebenfalls. Für Nationalspieler Haller soll es etwa die dritte Teilnahme an den Paralympischen Spielen sein, 2021 in Tokio. Und an einem europäischen Spitzenturnier. Und natürlich möglichst viele Spielminuten in der ersten Liga. Das war auch der Grund, weshalb er nach sieben Jahren vom absoluten Spitzenreiter im deutschen Rollstuhlbasketball, dem RSV Lahn-Dill, dem Bayern München der Liga, nach Hannover wechselte.

Entwicklung zum Leistungssportler

„Es ist wie bei den Fußgängern irgendwann eine bewusste Entscheidung, ob man Sport fitnessorientiert in der Freizeit betreibt oder alles auf die Karte Sport setzt“, blickt Haller auf den Beginn der Leistungssportkarrieren seiner Teammitglieder. Er hätte sich als Jugendlicher auch für Tennis oder Schwimmen entscheiden können, landete aber beim Basketball und stellte fest, dass er Talent hat. Die coole NBA, amerikanische Basketball-Liga, inspiriert viele junge Menschen in aller Welt, auch den jungen
Haller.

Nach der Schule machte er eine kaufmännische Ausbildung und trainierte parallel. Er wurde Stammspieler beim ASV Bonn, an seinem damaligen Wohnort. Doch die Mannschaft stieg ab in die zweite Liga, zu wenig für den ambitionierten Guard. Er wollte mehr und wechselte zum RSV Lahn-Dill, ein sportlicher Ritterschlag. Nach vielen Titeln und Siegen mit dem Team reichten ihm seine Spielminuten auf dem Parkett nicht mehr. Er guckte sich in der Liga um und fand im ambitionierten Umfeld von Hannover United die Möglichkeit, weiter hochklassig und match-bestimmend Basketball zu spielen.

Das Publikum fehlt

Beim Rollstuhlbasketball werden genauso respektable Leistungen erbracht wie im Bundesligafußball oder -handball, findet Sponsor KSG Hannover. Der langjährige Partner unterstützt den Klub auch beim Thema Mobilität, hier bei der Übergabe von frisch foliertem Team-Crafter und Caddy durch Bereichsleiter Siegfried Volker und Geschäftsführer Karl Heinz Range (2. u. 3. v. l.) an Jan Sadler und Joe Bestwick (r.).

Hannover United hat hohe Ansprüche an sich selbst, liefert aber auch. Das wird honoriert, an normalen Spieltagen kocht die ausverkaufte Tribüne der IGS Stöcken. In diesem Jahr sitzen dort allerdings bislang reichlich stumme Pappkameraden. „Das Publikum fehlt uns enorm“, bedauert Jan Haller die leeren Ränge. „Im letzten Viertel können die Zuschauer uns nochmal so nach vorne peitschen, dass wir ein knappes Spiel drehen.“

Anerkennung als Profis

Die Rollstuhlbasketball-Liga unterscheidet sich nicht von anderen Spitzensportarten: ohne Sponsoren läuft nichts. Trotz barrierearmer Live-Übertragungen aller Heimspiele seit Jahren sind weitere Einkünfte wie etwa Eintrittsgelder noch keine feste Größe im Budget. Von der Leistung her sind die Spieler*innen, Frauen und Männer spielen in gemischten Teams, Profis, vom Verdienst betrachtet sind es die wenigsten. Dass die Liga dank des peniblen Hygiene-Konzepts im Pandemie-Jahr spielen durfte, bestärkt die Hoffnung der Athleten, künftig auch in anderen Bereichen mehr Anerkennung für ihre Leistungen zu bekommen. 

Text und Bilder: Carmen Eickhoff