Wenn die Welt aus den Fugen gerät

1. Juli 2020

Leben mit psychischen Krankheiten während der Corona-Krise

Von Annabell Köstler

Viel Zeit, viele Gedanken, wenig Möglichkeiten: Für viele ist die Isolation durch Corona ein Weg, ihrem Leben einen neuen Twist zu geben, Sport zu machen und neue Hobbys zu finden. Doch wie gehen die psychisch Kranken unserer Gesellschaft damit um?

Depressionen während Corona

Tessa S.* leidet seit etwa vier Jahren unter einer mittleren Depression, befand sich monatelang in Therapie und nahm Medikamente. Im Wintersemester vergangenen Jahres begann sie ihr Studium, und von da an ging es mit ihrer psychischen Gesundheit endlich steil bergauf. Doch schon in den ersten Semesterferien merkte sie einen leichten Rückfall, da ihr Alltag plötzlich nicht mehr so schön strukturiert war. Als dann die Uni wieder losging, war sie erleichtert und glücklich. Und dann kam Corona. Von jetzt auf gleich soll Tessa, wie alle anderen auch, keine Freunde mehr treffen und nur noch im Notfall aus dem Haus. Für sie sei das eine absolute Katastrophe: „Das mit diesem Semester ist das Schlimmste, was für mich passieren konnte, weil ich meine Besserung total mit der Uni assoziiere.“ Die Struktur habe ihr immer Sicherheit vermittelt und seit der Isolation habe sie zu viel Zeit zum Grübeln. Dadurch sei sie oft grundlos traurig und bedrückt.

Außerdem habe sie ständig schlechte Laune und sei gereizt, jede Kleinigkeit nähme sie extrem mit. Sie schlafe viel; ihr Schlafrhythmus habe sich sehr verschlechtert. Sie trinke mehr Alkohol als sonst, was sie schon aus der schlimmsten Phase ihrer Depression kenne. Ein paar Mal sei sie zusammengebrochen, habe weinend ihre Mutter angerufen: „Jetzt muss ich alles aus eigener Kraft schaffen, und das schaffe ich nicht.“ Um sich vor einer Einweisung in eine psychiatrische Klinik zu retten, versucht Tessa, viel Zeit mit ihren Pferden zu verbringen. Außerdem tanzt sie zu Hause, kocht und malt. Die ersten Lockerungen seien für sie ein großer Hoffnungsschimmer.

Auf die Frage, wie sie sich fühle, wenn sie von einer möglichen zweiten Corona-Welle und strengeren Beschränkungen hört, fängt sie an zu weinen. Normalerweise verbiete sie sich, an diese Möglichkeit zu denken, da es für sie das Worst-Case-Szenario sei. Der Gedanke mache ihr große Angst: „Es ist wirklich von Tag zu Tag ein Kampf, ich habe da so lange dran gearbeitet, und ich will auf gar keinen Fall, dass es wieder so wird, wie es war.“ Doch die Isolation hat nicht nur schlechte Seiten: Tessa erzählt, dass sie durch die viele Freizeit, die sie habe, mehr Sport mache, wieder Zeit für alte Hobbys habe und nun die Zeit mit ihren Freunden zu schätzen wisse. „Ich glaube, ich werde nie wieder eine Einladung ablehnen“, lacht sie.

Jetzt muss ich alles aus eigener Kraft schaffen, und das schaffe ich nicht.

Tessa S.

In krassem Kontrast zu der Hilflosigkeit, die Tessa fühlt, steht die Geschichte von Dmitriy A. Er leidet seit etwas länger als einem halben Jahr an einer Depression und generalisierten Angststörung. Derzeit ist er noch in einer Psychotherapie und nimmt Antidepressiva. Für ihn sind die Corona-Einschränkungen eher ein Segen. „Ich habe noch nie so konsequent Sport gemacht wie zurzeit. Und ich habe noch nie so konsequent gesundes Essen gegessen wie zurzeit.“ Wie auch Tessa fehle Dmitriy dennoch der geregelte Alltag eines normalen Semesters. Für ihn sei das demotivierend; morgens liege er meist noch lange im Bett und versuche, sich dazu aufzuraffen, Yoga zu machen.

Auch mit den Uni-Aufgaben klappe es nicht hundertprozentig, obwohl er sich konsequent jeden Tag hinsetze und entweder Onlinevorlesungen beiwohne oder an Aufgaben arbeite. Trotzdem sagt er selbst: „Mir würde es, glaube ich, sogar guttun, wenn Corona noch länger anhält. Dann bin ich wieder in diesem gesellschaftlichen Rennen mit bei.“ Er habe sowieso nicht so viele soziale Kontakte, weshalb das Kontaktverbot für ihn kaum eine Veränderung zum sonstigen Alltag sei. Und auch nach der leichten Lockerung zurzeit mache ihm eine erneute mögliche Straffung der Maßnahmen keine Angst. Er habe sich mit der Situation arrangiert und sehe überwiegend das Positive. „Als ein superdepressiver Mensch habe ich die Möglichkeit, das nachzuholen, was ich in meiner Depression versemmelt habe; wofür ich keine Zeit gefunden habe. Alle anderen haben gelernt, sind ihren Hobbys nachgegangen und ich habe einfach in der Ecke gesessen und nichts getan. Jetzt sitzen alle in der Ecke und tun nichts.“

Mir würde es, glaube ich, sogar gut tun, wenn Corona noch länger anhält.

Dmitriy A.

Zeit, Gedanken, Möglichkeiten – eine gefährliche Mischung für Essgestörte

Katharina ist 22 Jahre alt und leidet seit ungefähr drei Jahren an Magersucht. Probleme mit ihrer Figur begannen allerdings schon im Grundschulalter. Ihre Krankheit komme in Wellen, Anfang des Jahres 2020 sei sie gerade auf einer guten Welle gewesen – kaum Kalorienzählen, kein Limit. Die „Stimme“– so beschreibt sie die Magersucht – in ihrem Kopf ist weitestgehend ruhig. Und dann trafen die Corona-Maßnahmen auch Katharina. Sie musste ihr studienbedingtes Praktikum in Los Angeles unterbrechen und zog zurück zu ihren Eltern und ihren drei Geschwistern nach Deutschland. Seitdem gehe es für sie langsam, aber stetig bergab. Plötzlich habe sie durch eine Küchenwaage die Möglichkeit, ihre Kalorien genauestens im Blick zu halten, und jetzt habe sie auch Zugang zu einer Körperwaage.

„Das sind beides Trigger. Seitdem ich beides nutzen kann, habe ich mein Kalorienlimit wieder eingeschränkt“, erzählt sie. Mittlerweile esse sie nicht mehr als 1.000 Kalorien am Tag. Das ist etwa die Hälfte von dem, was eine erwachsene Frau täglich zu sich nehmen sollte. Außerdem habe sie ungewohnt viel Freizeit, die sie nutze, um exzessiv Sport zu treiben. „Ich bin mehr als drei Stunden pro Tag unterwegs, um Kalorien zu verbrennen, unter 15.000 Schritten pro Tag geht bei mir nichts – ansonsten darf ich die 1.000 Kalorien nicht essen.“ Ihren Selbstwert mache sie am Essen fest. „Wenn man zu viel isst … Dann kommt die Schuld. Dann fühlt man sich ekelhaft“, beschreibt sie ihre Gedanken. Eine mögliche Straffung der Maßnahmen sieht sie mit gemischten Gefühlen. Einerseits freue sich die gestörte Stimme in ihrem Kopf über die Freizeit – so viel Sport, so viele Kalorien verbrennen.

Doch der rationale Teil von ihr habe Angst. Schon jetzt beschäftigen sie beim Essen viele Fragen: „Wie viel sollte ich jetzt wirklich essen? Darf ich das, wegen meines Gewichts, essen? Werde ich deswegen zunehmen? Werde ich abnehmen? Obwohl ich Hunger habe, sollte ich essen? Ich sollte eigentlich abnehmen, aber das wird ja nicht passieren, wenn ich esse – und so weiter.“ Sie mag sich nicht vorstellen, wie schlimm es werden könnte. Ihre größte Angst sei, dass die Stimme sie zwingt, ihre Kalorienzufuhr noch weiter einzuschränken und mehr Sport zu treiben, sodass ihr Körper irgendwann einfach aufgibt. „Wenn ich nichts anderes unternehmen kann, als einfach zu Hause zu sitzen, dann fällt es mir auch schwer, irgendwie einen Ausweg aus meinem Gehirn zu finden.“

Dann kommt die Schuld. Dann fühlt man sich ekelhaft.

Katharina R.

*Namen von der Redaktion geändert

Erstlingswerk

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Kooperation von radius/30 mit dem 2. Semester des Journalismus-Studiengangs der Hochschule Hannover unter Leitung von Prof. Stefan Heijnk, der freien Journalistin Sonja Steiner, Programmierer René Aye von Pyropixel und dem DJV Niedersachsen.